• Von Jägern und Hausschweinen: Warum wir an Rückenproblemen leiden

    Der Mensch – Eine Fehlentwicklung der Evolution?

    Böse Zungen behaupten, der Homo sapiens sei eine Fehlentwicklung der Evolution, die unvermeidlich in eine Sackgasse führt. Der Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz sprach von einer Verhausschweinung des Menschen: Sind wir nach unseren Sturm-und-Drang-Jahren in Beruf und Familie angekommen, werden wir zusehends fett und faul, ernähren uns falsch und bewegen uns zu wenig. So unrecht hat er damit nicht: Entsprechende Verhaltensweisen verschlimmern diverse Mitbringsel, die wir von unseren Vorfahren geerbt haben.

    Wunderwerk Wirbelsäule

    Die Wirbelsäule dient im wahrsten Sinne des Wortes als Dreh- und Angelpunkt des Körpers. Aus der starren Chorda, einer Knorpelstange unserer Vorfahren, hat die Evolution eine hochflexible Verbindung aus 24 freien Wirbelkörpern und 23 Bandscheiben gemacht. Sie sichert uns maximale Beweglichkeit, ist aber zugleich unsere Achillesferse.

    Das Skelettsystem ist ursprünglich für den vierbeinigen Gang ausgelegt. Wir aber richten uns nicht nur gelegentlich auf wie ein Erdmännchen, das nach dem Rechten sieht, sondern verbringen den halben Tag in aufrechter Position.

    Der Mensch ist ein Hetzjäger

    Grund für diese Entwicklung war das schnelle und ausdauernde aufrechte Laufen. Im Vergleich zu flinken Jägern wie dem Geparden, der kurzfristig Spitzengeschwindigkeiten von 120 km/h erreicht, sind wir extrem langsam. Das machen wir durch Ausdauer wett: Während sich die Raubkatze nach wenigen Minuten hechelnd in den Schatten verkriecht, können Menschen über Stunden rennen.

    Als Jäger sind wir für die Hetzjagd ausgelegt. Mit unserer Kondition kann kein Beutetier mithalten – früher oder später ist es erschöpft und reif für den Kochtopf. Beim aufrechten Laufen sind wir wesentlich effizienter als jedes Raubtier auf vier Pfoten, da wir weniger Muskeln beanspruchen, die Elastizität der Muskulatur ausnutzen und schwitzen. Eine Antilope hat keine Schweißdrüsen und überhitzt nach kurzer Rennerei genau wie der Gepard – wir laufen dank unserer eingebauten Klimaanlage stundenlang weiter.

    Kehrseite der Medaille: Rückenleiden und Gelenkschäden

    Leider hat die Sache einen Haken: Durch das Aufrichten kommt die Lendenwirbelsäule in eine unnatürliche Position. Zudem lastet das Gewicht des gesamten Oberkörpers auf der unteren Rückenpartie. Daher sind wir abends einige Zentimeter kleiner als morgens: Die Bandscheiben haben durch den Druck Flüssigkeit verloren und schrumpfen.

    Wesentlich schlimmer als diese reversible Verkleinerung sind LWS-Syndrom, Lumbago und Bandscheibenvorfälle. Zivilisatorische Handicaps wie Übergewicht und Mangel an Bewegung schaden zudem tiefer gelegenen Gelenken - Knieschäden und Hüftprobleme sind die Folge.

    Warum die Arbeit Rückenprobleme noch schlimmer macht

    Im modernen Berufsleben hat das Konzept vom aufrechten Gang weitere Konsequenzen: Körperliche Aktivität hält fit – aber Dauerbelastung sowie eintönige und falsche Bewegungsmuster sind fatal. Ungesunde Ernährung drückt mit unnötigen Pfunden auf die Bandscheiben und verschärft die Rückenprobleme. Psychische Belastungen in Familie und Beruf führen zu Stress und Burnout und verschlimmern die Sache zusätzlich.

    Solche Entwicklungen lassen sich mit betrieblichem Gesundheitsmanagement und optimierter Ergonomie am Arbeitsplatz verhindern. Zudem können wir selbst mit abwechslungsreicher Ernährung, körperlicher Aktivität und Stressabbau eine Menge zur Verbesserung unserer Gesundheit beitragen.

    Quellen, Links und weiterführende Literatur

    • Franz M. Wuketis: Zvilisation in der Sackgasse: Plädoyer für eine artgerechte Menschenhaltung. Murnau 2012: Mankau-Verlag. ISBN-10: 9783863740542.
    • Konrad Lorenz: Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit. 34. Auflage. München 1996: Piper-Verlag. ISBN-10: 3492200508.
    • Focus online: Die Evolution hat den Menschen zum Läufer gemacht.
    • Petra Bracht, Roland Liebscher-Bracht: Deutschland hat Rücken: Wie es so weit kommen konnte. Warum jetzt Schluss damit ist. Was Sie selbst dagegen tun können. München 2018: Mosaik-Verlag/Verlagsgruppe Random House. ISBN-10: 9783863740542.
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